Goldsteig Ultrarace 2016 – 7. Das Rennen 4.Tag

4.Tag Alpe – Passau
Dienstag 27.09.16
Um 2 Uhr stehen wir auf, ich schwinge mich in die Laufklamotten und gehe mit Christine in die Gastwirtschaft, wo der Hotelinhaber Kaffee und einen kleinen Snack aufgebaut hatte.
Ich bespreche mit Christine den Plan für den heutigen Tag. Ich freue mich auf diese Etappe, die am Abend in Passau enden soll.
Um kurz vor 3 Uhr geht’s dann los. Erst geht’s Bergab nach Philippsreut, dann durch den Wald Richtung Haidel.
Der Haidel ist ein Hügel in der Nähe der Ortschaft Grainet. Auf dem „Gipfel“ gibt es einen Aussichts-und einen Funkturm. Bevor ich jedoch hier ankomme, muss ich eine Umleitung laufen. Der direkte Weg ist wegen Forstarbeiten gesperrt. Dafür ist die Umleitung gut ausgeschildert.
Im Morgengrauen nähere ich mich, teils über Schotterpisten, teils über Singletrails dem Ort Haidmühle.  Die Strecke kenne ich vom Training bereits.
Ich freue mich schon auf den Dreisessel, ein Berg mit einer wunderschönen Aussicht und bizarren Felsformationen.
Kurz vor Haidmühle sehe ich von weiten die Silhouette einer Person. Zuerst traue ich meinen Augen nicht und denke, dass ich mir das, aufgrund des Schlafmangels, nur einbilde.
Doch je näher ich der Waldlichtung komme, umso klarer wird mir, dass es sich um einen Läufer handelt.
„Miguel?“  – Mein spanischer Mitläufer schaut mich traurig an. In mäßigem Englisch erkläret er mir, dass er einen geschwollenen Fuß und eine Entzündung im großen Zehen hat und hier aus dem Rennen aussteigen möchte.
Er zeigt mir seine SMS Unterhaltung mit Micha (dem Racedirektor), der Miguel schon gesagt hat, dass ich ganz in der Nähe bin.
Ich schnappe mein Handy und rufe Micha an, um abzuklären, was ich nun tun soll.
Ich entscheide mich dafür, die Strecke zu verlassen und Miguel nach Haidmühle zu bringen damit er dort im warmen warten kann, bis er abgeholt wird. Für mich eine Ehrensache, denn Miguel kennt sich hier ganz und gar nicht aus und spricht die Sprache nicht.
Micha sichert mir im Gegenzug eine Std Zeitgutschrift zu.
Wir verlassen in langsamem Lauftempo den Goldsteig und laufen die 2-3 km nach Haidmühle. Das Personal des dortigen Supermarktes ist super freundlich und Miguel kann hier warten. Mittlerweile hat mich Christine angerufen, die auf dem GPS Tracking gesehen hat, dass ich die Strecke verlassen habe.
Christine hat sich dann spontan bereit erklärt, Miguel in Haidmühle abzuholen und am Nachmittag dann mit nach Passau zu nehmen.

img_0603Ich gönne mir noch einen „Kaffee “ und mache mich wieder auf den Weg zurück auf den Goldsteig und nehme gleich den Anstieg zum Dreisessel unter die Füße.
Oben angekommen beschließe ich am Berggasthof Dreisessel, der gerade erst geöffnet hat, eine kurze Pause einzulegen.
Allerdings toben hier 2 Schulklassen rum, so dass mir die Situation irgendwie zu Stressig ist und ich, nachdem ich mein Getränk leer habe, gleich weiter laufe. Nun folgt das „Steinerne Meer“ . Wie der Name schon sagt, handelt es sich um einen Weg, der mit vielen größeren und kleineren Steinen bedeckt ist. Ich springe munter von Stein zu Stein und genieße die Aussicht ins Tal, die sich zu meiner rechten auftut.
Am Ende des Meers angelangt, teilt sich der Weg. Links verläuft der Weg weiter zum 3-Länder-Eck (D, A, CZ) rechts  geht’s wieder abwärts Richtung Rosenberger Gut und Schwarzenberg.
Diesem Weg folge ich. Bis zum „Campingplatz Lackenhauser“ ist der Abstieg aufgrund des steinigen Untergrunds sehr beschwerlich. Ab dem Campingplatz komme ich in ordentlichem Lauftempo voran. Es ist nicht mehr weit bis Breitenberg, wo Christine und Miguel bereits auf mich warten.
Nach einem Imbiss bleibe ich noch ein paar Minuten sitzen, um mich zu erholen, bevor ich mich dann auf den Weg nach Hauzenberg mache.

Der Goldsteig verläuft über Wiesen und Wälder weiter nach Sonnen. Kurz hinter Sonnen passt mich Micha, unser Racedirektor ab, um mir einen neuen GPS Tracker am Rucksack anzubringen, da der Akku des bisherigen Trackers fast leer ist.

Knapp 400 km habe ich schon in den Beinen. Kurz nach der kurzen Pause mit Micha, sehe in der Ferne eine weitere Person vor mir. Ich denke aber nicht, dass es sich um einen meiner Mitläufer handelt, ich denke eher an einen Wanderer.
Ich laufe in meinem Wohlfühltempo weiter und schließe auf die Person auf. Leider muss ich feststellen, dass es sich um Simon handelt, der 5 Stunden vor mir in Philippsreut losgelaufen ist.
In einem kurzen Gespräch sagt er mir, dass er aufgrund seiner massiven Blasen an den Füßen, nicht mehr schneller vorankommt.  In seinem schmerzverzerrten Gesicht kann ich ablesen und mitfühlen, was er gerade durchmacht. Meine absolute Hochachtung, dass er überhaupt noch weiterläuft. Ich glaube es gibt nicht viele Menschen, die sich das antun würden. Er will auf jeden Fall bis Passau kommen, dort pausieren und dann weiter sehen.

Ich laufe weiter!

Leider bemerke ich mittlerweile, dass auch mein Körper langsam beginnt schwächer zu werden und sich die ersten Probleme anbahnen. Seit einiger Zeit schmerzt mein linkes Schienbein. Man sieht zwar noch keine Rötung, aber ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, weil die Schmerzen immer massiver werden.
Ich gebe Christine Bescheid, dass Sie in Passau in der Apotheke noch Kühlpacks besorgt, damit wir das Schienbein später kühlen können.

Gegen 17:30h erreiche ich dann Hauzenberg. Ab hier sind es nur noch ca. 20 km bis Passau. Gefühlt werden das die längsten 20 km meines Lebens werden.
In Hauzenberg angekommen, überfällt mich eine Hungerattacke. Ich stopfe zuerst einen Riegel in mich hinein.  Was aber nur einen Tropfen auf den heißen Stein ist.
Die Brotzeitstube ist mein nächstes Ziel. Dort kaufe ich mir eine Semmel und einen „Kaffee to Go“.
Im Gespräch mit der Wirtin erfahre ich, dass Robert, der führende Läufer, bereits heute Morgen um 9:30 Uhr hier war und eine Pizza gegessen hat. Wahnsinn was der Kerl hier abliefert!

Ich laufe weiter! Die Strecke nach Passau kenne ich aus dem Training bereits. Eigentlich ist dieser Teil, einer der einfacheren auf dem Goldsteig.
Nach kurzer Zeit, in Höhe der Danglmühle, verläuft der Goldsteig dann ins Staffelbachtal. Doch hier wartet bereits die erste Herausforderung auf mich.
Die Brücke üben den Staffelbach ist vor einiger Zeit vom Hochwasser teilweise weggespült worden. Ich überlege, ob ich es dennoch versuche, über die kaputte Brücke und teilweise durch den Bach auf die andere Seite zu kommen oder ob ich mir einen anderen Weg suche.
Aufgrund der Tatsache, dass ich lieber auf Nummer sicher gehen möchte und dass bald auch die Dunkelheit einsetzt, entscheide ich mich für den Weg außen rum, und suche eine andere Möglichkeit den Bach zu queren. Nach ca. einem Kilometer sehe ich eine Brücke, die intakt ist. Ich freue mich schon, denn aus dem Training weiß ich, dass der Wanderweg  auf der anderen Bachseite super zu laufen ist und ich dann schnell einige Kilometer abspulen kann.
Doch weit gefehlt!
Wie die Brücke vorhin, ist auch der Wanderweg nahezu weggespült. Anstatt eines schönen Wegs, warten große Löcher und rumliegende Steine auf mich. Zügig vorankommen ist nahezu nicht möglich.
Teilweise zeigen Schilder an, dass der Weg eigentlich gesperrt ist. Da ich aber keine alternative Strecke erkennen kann, bleibe ich auf diesem Weg und hoffe, dass er mich dort hinbringt, wo ich auch hin muss.
Nach gefühlt unendlich langer Zeit, habe ich den schlechten Weg hinter mir und kann tatsächlich wieder laufen.
Langsam setzt die Dunkelheit ein und ich bereite mich auf die Nacht vor. Ich bin schon ziemlich am Ende. Nicht unbedingt körperlich, aber der Kopf macht mir heute schon sehr zu schaffen. Außerdem habe ich auch schon wieder über 80 km in den Knochen. Aber  für solche Situationen habe ich ja den IPod  mit guter Musik dabei. Leider muss ich feststellen, dass der Akku nahezu leer ist, und nach 10 Minuten den Dienst einstellt. Der Blick auf mein Handy verheißt ebenfalls nichts Gutes. Nur noch ein Balken Akku, den ich mir aber für ein evtl. Telefonat erhalten und nicht fürs Musikhören nutzen möchte.
Ich weiss nicht, ob ich einfach nur schreien oder weinen soll. Passau scheint einfach nicht nahe zu kommen und irgendwie scheint sich alles gegen mich verschworen zu haben. Sicherlich nur ein subjektives Gefühl, aber wenn man im Kopf und Körper langsam an sein Limit kommt, ist es nahezu unmöglich diese Gefühle auszublenden.
Ich arbeite mich weiter der Dreiflüssestadt Passau entgegnen.
Ich telefoniere mit Christine und klage ihr mein Leid vom I-Pod, Handyakku, Strecke und meinem momentanen befinden.
Es tut mir so gut mit ihr zu Sprechen. Christine motiviert mich, nochmal Gas zu geben um die restlichen wenigen Kilometer noch zu schaffen.
In Grubweg, einem Stadtteil von Passau komme ich wieder in die Zivilisation und hoffe, dass das Elend nun endlich ein Ende hat.
Das GPS verrät mir, dass es nicht mal mehr 3 km sind, aber die Uhr verrät mir auch, dass ich mittlerweile hinter meinem Zeitplan liege.
Ich befinde mich auf dem Abstieg nach Passau, da sehe ich, wie mir Christine mit dem Auto entgegenfährt.
Ich freu mich total Sie zu sehen. Es sind nur  noch 1,5 km bis zum heutigen Ziel. Am liebsten würde ich auf der Stelle stehen bleiben und mich nicht mehr weiter bewegen.
Christine hat mir Frühlingsrollen vom Asiaten besorgt, die ich jetzt erst einmal in Ruhe esse.
Ich muss jetzt noch zum „Veste Oberhaus“ hoch laufen und auf der anderen Seite zum Hotel absteigen.
Mühsam quäle ich mich den letzten Anstieg für heute hoch. Christine ist mit dem Auto vor gefahren um mich oben nochmal anzufeuern.
Am Oberhaus angekommen, bin ich den Tränen nahe. Ich kann und will einfach nicht mehr. Mein Kopf ist leer und mein Schienbein schmerzt richtig heftig mittlerweile.
In meinem Kopf wächst schon die Angst, dass ich nicht weiter laufen kann.

Micha und Christine empfangen mich in Passau

Micha und Christine empfangen mich in Passau

Langsam wandere ich  wieder nach Passau runter. Das GPS verrät mir dass ich es in 200 m geschafft habe.  Und da sehe ich auch schon Christine und Micha die hier auf mich warten.
Ich bin einfach nur erleichtert, auch wenn ich über eine Stunde hinter meinem Zeitplan bin.
Micha ist glaube ich auch erleichtert, dass ich da bin und sagt mir, dass ich der 2. bin, der Passau erreicht hat.
Ich habe das im Kopf gar nicht realisiert, dass außer Robert niemand mehr vor mir ist.
Auch die Tatsache, dass Robert zu diesem Zeitpunkt auch noch in Passau ist, realisiere ich nicht.
Ich möchte nur noch Essen, Duschen, Schlafen um wieder zu Kräften zu kommen.

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