Goldsteig Ultrarace 2016 – 8. Das Rennen 5.Tag

5.Tag Passau – St. Englmar
Mittwoch 28.09.16
Mittlerweile befinden sich Christine und ich im „Funktionsmodus“.
Der Ablauf vom aufstehen bis zum loslaufen ist mittlerweile Routine. Doch heute früh ist irgendetwas anders.
Während ich mich über mein Frühstück her mache, erzählt mir Christine, dass sie mit Micha gesprochen hat und wir evtl. den Plan für heute etwas ändern sollen.
Ursprünglich wollte ich heute nur eine kürzere Etappe bis zum „Landshuter Haus“ laufen,  dort schlafen und am morgen dann nach St. Englmar aufbrechen.
Der Plan hat allerdings 2 Haken, der erste ist, dass das Landshuter Haus mit dem Auto nicht erreichbar ist, ergo kann Christine mir meine Utensilien nicht dort hinbringen ohne dass Sie 6 km mit Sack und Pack durch den Wald wandert.
Ergo müsste ich alles, was ich brauche, im Rucksack mit schleppen. Das gefällt mir nicht wirklich.
Also ändern wir den Plan! Die Schlafpause am „Landshuter Haus“ wird komplett gestrichen und ich laufe durch bis St. Englmar, wo wir auch wieder ein Hotelzimmer gebucht haben.

Ich will es gar nicht so genau wissen, aber es sind doch wieder über 110 km die nun vor mir liegen. Mein Schienbein ist etwas erholt, dennoch schmerzt es fürchterlich. Aber irgendwann erreicht man einen Punkt, an dem die Schmerzen nicht schlimmer werden.
Ich glaube den Punkt habe ich schon erreicht und lebe einfach damit. Meine Schuhe schnüre ich gar nicht mehr, ich schlüpfe nur noch rein um keinen weiteren Druck auf das Schienbein auszuüben.

Ich setzte meinen Rucksack auf und laufe los, in das schöne Ilztal. Es ist noch dunkel, aber ich merke schon wie langsam  der Tag erwacht. Das Tal selbst ist sehr naturbelassen, Handyempfang gibt es quasi nicht, aber die Strecke ist flach und gut zu laufen. Immer an der Ilz entlang treffe ich mich zur ersten Verpflegung an der Schotterbaummühle mit Christine.
Hier befindet sich in Mitten der unberührten Natur ein Campingplatz. Ich genieße die Ruhe hier, und dehne die Pause etwas aus.
Christine hat mich mit Kaffee, Semmeln und Schokolade wieder bestens versorgt, so das ich voller Euphorie meinen Weg durch das Ilztal fortsetze.
Dennoch bin ich froh, dass sich nach ca. 35 km die Landschaft wieder von einer anderen Seite zeigt. Über Wald und Flur geht es nach Zenting. Hier versuche ich einen Kaffee und eine Kleinigkeit zu Essen zu ergattern. Leider vergebens, denn um die Mittagszeit haben hier alle Geschäfte geschlossen.
Ich setze mich auf einen Stein am Wegesrand und esse einen Riegel, den ich schon Tage lang im Rucksack mit mir rumschleppe.
Dann rufe ich kurz bei Christine an, die eine Überraschung für mich parat hat.
Ursprünglich wollten wir uns erst in Lalling treffen, doch Sie wollte auf Nummer sicher gehen und hat auf einem Parkplatz in Langenfurth, ca. 10-15 km vor Lalling bereits alles für mich vorbereitet.

Das motiviert mich umso mehr, jetzt wieder in die Gänge zu kommen. Der Aufstieg auf den „Brotjacklriegel“ liegt vor mir. Auf 8 km geht es auf den 1011 m hohen Berg, von dem ein imposanter Sendemast des Bayrischen Rundfunks thront.

Abstieg vom Brotjacklriegel

Abstieg vom Brotjacklriegel

Der Aufstieg ist einfacher als ich gedacht habe, zum Glück. Oben angekommen treffe ich auf eine Gruppe Wanderer, mit denen ich kurz ins Gespräch komme. Dass ich schon weit über 400 km gelaufen bin,  können die 3 kaum glauben. Sie wünschen mir alles Gute und ich setzte meinen Abstieg fort. Leider sehr langsam, da mein Schienbein keinen schnelle Abstieg mehr zulässt. Aber es muss ja auch nur noch 170 km durchhalten, das wird schon gut gehen, denke ich mir.
14881623_10207691889519760_1059712532_oVon Weitem sehe ich schon den Parkplatz und Christines Auto. Sie ist mir einige Meter entgegen gelaufen.
Glücklich und zufrieden wandern wir die letzten Meter zum Auto. Dort gibt’s erstmal eine Packung Kühlpads auf das Bein. Das tut wahnsinnig gut.
Meinen Zuckerhaushalt fülle ich mich Cola auf,  bevor wir auf unserem Gaskocher ein Fertiggericht aus der Dose zubereiten, welches ich mir schmecken lasse.
Ich muss sagen, mir gefällt diese Camping Atmosphäre und das Gefühl von Freiheit. Ich genieße die Pausen mit Christine. Auch wenn wir beide mittlerweile schon ganz schön an Schlafmangel leiden, so ist es immer harmonisch.
Bevor ich mich wieder auf den Weg mache, vereinbaren Christine und ich, für den späten Abend, nochmal einen Treffpunkt, den wir im Vorfeld nicht geplant hatten.
Die weitere Strecke führt mich nach Lalling und vor dort aus nach Rusel.
Ich versuche mich mit kleinen Psycho Spielchen immer wieder selbst zu pushen. Auf dem Weg Richtung Rusel beginnt es dunkel zu werden.
Meine Challenge ist, ich darf erst in Rusel meine Stirnlampe aus dem Rucksack holen. Da ich nicht gerne ohne Lampe im Dunkeln unterwegs bin, gebe ich nochmal richtig Gas.  Im Wald  sehe ich schon fast nichts mehr, aber ca. 500 m vor mir sehe ich eine Lichtung.
Gerade noch rechtzeitig erreiche ich Rusel.
Hier ist nicht viel los. Ich setze mich auf einen großen Stein am Wegesrand und bereite mich für die Nacht vor.
Ich statte die Stirnlampe mit neuen Akkus aus und ziehe ein dünnes Langarmshirt über. Es ist nicht kalt, aber je später ich in die Nacht laufe, umso kühler wird es.
Zusätzlich mache ich meinen Ipod startklar.
Tagsüber höre ich keine Musik, nur nachts. Das hat sich als sehr praktisch erwiesen. Wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, bin ich im Wald nachts nie alleine. Kleinere und größere Tiere tummeln sich überall. Anfangs bin ich bei jedem Rascheln erschrocken und das nervt mich. Daher laufe ich jetzt mit Musik und konzentriere ich auf den Untergrund und den GPS Track.
Das klappt super und ich fühle mich wohl.
Als die Musik läuft, mach ich mich weiter auf den Weg Richtung Landshuter Haus. Beharrlich, aber nicht steil zieht sich der Weg zuerst an der Hauptstr. entlang. Am Ruselabsatz quere ich die Straße und der Weg zieht sich im Wald weiter und weiter den Berg hoch.
Plötzlich sehe ich, dass mir an einer Wegkreuzung ein Licht entgegen kommt. Dies kann ich zuerst nicht zuordnen, doch es nähert sich mit recht hoher Geschwindigkeit.
Auf einmal kann ich es erkennen, es ist ein Radfahrer. Der Kerl ist total erschrocken, ich denke er hat um diese Zeit nicht mit mir gerechnet und legt eine astreine Vollbremsung hin.
Ich grüße kurz und setzte meinen Weg fort.
Von weitem sehe ich nun schon Licht am Horizont, das ist das Landshuter Haus, dass ich kurz darauf erreiche.
Der Eingang befindet sich auf der Rückseite des Gebäudes. Der Wirt und seine Frau begrüßen mich höflich.
Ich erkläre kurzum, dass ich nicht hier Übernachten werde, sondern direkt weiter nach St. Englmar weiterlaufen werde.
Dennoch trinke ich kurz etwas und unterhalte mich, will dann aber keine Zeit verlieren und mache mich auf den Weg nach Wühnried, wo ich mich nochmal mit Christine treffen werde.
Dort angekommen, bekommt mein Schienbein wieder einen Kühlpack, das tut so gut und die Schmerzen lassen ein bisschen nach.
Ich futter nochmal zuckerreiche Süßigkeiten und trinke Cola um nochmal Power für die letzten 17 km der Etappe zu haben.
Mit einem Küsschen verabschiede ich mich von Christine. Ich rechne es ihr sehr hoch an, dass sie mich hier, am späten Abend, in einem Dorf in dem sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, verpflegt.
Die folgenden 8 km sind recht einfach zu laufen. Teils durch den Wald, teils entlang einer geteerten Straße bis zum Kalteck.
Ab hier beginnt der Aufstieg zum Hirschenstein, einem Berg auf 1095 m. Nach 4,5 km bin ich am Gipfel angekommen. Von der wunderschönen Aussicht kann ich leider nichts berichten, da es ja mitten in der Nacht ist und von daher Stockdunkel
Hier endet der GPS Track. Ich setzte mich kurz auf die Bank am Gipfel, schalte die Stirnlampe aus, nehme die  Stöpsel aus dem Ohr und genieße die herrliche Ruhe für einige Minuten.
Auch wenn es in dieser Nacht nicht kalt ist, so kühle ich trotzdem aus. Ich lade den neuen GPS Track, 6,5 km bis St. Englmar, dem Ziel für heute.
Jetzt kann mich nichts mehr aufhalten und ich laufe  dem heutigen  Ziel entgegen. Geschotterte Wege kann ich noch gut laufen, wenn´s steiniger wird, muss ich aufgrund der Schmerzen, das Tempo raus nehmen. Noch 400 m bis zum Haus Tannenhof lt. GPS, gefühlt bin ich aber noch mitten im Wald.  Aber kurz drauf sehe ich von weitem, wie mir Christine, mit ihrer Lampe in der Hand, zuwinkt. Überglücklich umarme ich Sie, ich kann´s gar nicht fassen, dass ich die nächste, scheinbar unendlich lange Etappe, geschafft haben.
Es ist kurz nach 3 Uhr in der Nacht, ich habe 21 Stunden für dies Etappe gebraucht.
14876271_10207691889639763_1361595910_oDas Haus Tannenhof ist ein wahnsinnig guter Gastgeber. Schon im Eingangsbereich werden wir Läufer mit einem Plakat empfangen. In Facebook wurde ich auf Ihrer Seite schon angekündigt. Ich bin richtig gerührt, von der Tatsache, dass die Menschen hier so unglaublich mit uns Läufer mitfiebern und darum besorgt sind, dass es uns gut geht.
Ich bin erleichtert,  als ich im Zimmer (bei einer Pizza) realisiere, dass ich es hierher geschafft hat. Christine hatte mit Micha gesprochen und Micha meinte: „Wer es nach St.Englemar schafft, der hat auch sehr gute Chancen zu Finishen“. Und genau das war mein einziges Ziel…. FINISHEN!!
Aber zuvor heißt es  duschen und schlafen.

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